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Alex Pevzner's Journal
 
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Below are the 5 most recent journal entries recorded in Alex Pevzner's LiveJournal:

    Monday, December 20th, 2004
    12:20 am
    Мамуля, я тебя люблю!
    Дааа, а у моей дорогой мамуси сегодня (уже последние 25 минут) день рождения, даааа!
    Она у меня совершенно замечательная и просто совершеннo классная!
    Всем вам желаю такую же замечательную мамулю, правда она у меня единственная и неповторимая такая!!
    Как хорошо, что она у нас есть!
    Thursday, April 1st, 2004
    10:18 am
    Quartalsbericht Nr. 3 - Maerz
    Schon bald geht es zurueck nach hause, nach Deutschland. Bis zum Tag meines Heimfluges sind es bereits weniger als drei Monate, und es zeigt sich, wie wahr die uns vor dem Austausch vorgestellte Theorie des Ablaufes ist: nach dem ersten Tag, an dem das Heimweh wohl am staerksten ist, kommt eine Phase, in der alles neu und unheimlich ineressant erscheint, diese wird gefolgt von einer erneuten, jedoch weniger starken Welle des Vermissens, welche nach etwa einem halben Jahr mit der Zeit mehr und mehr abnimmt. Mit den letzten drei Monaten kommt wohl die Zeit des Austausches, die am schnellsten verfliegen wird! Dies bedeutet fuer mich: Geniesse nicht nur jeden Tag, sondern jede Minute, die dir hier noch bleibt...

    Wie man dem oberen Abschnitt bereits entnehmen kann, geht es mir zur Zeit wirklich gut. Nach den Ferien, die bis Anfang Februar gingen, hatten wir nur zwei Wochen Schule, welche von einer weiteren Woche Karnevalsferien gefolgt wurden. Diese Zeit verbrachte ich nicht nur mit meinen brasilianischen Freunden, sondern ebenfalls mit meinem Cousin, der fuer drei Wochen aus Deutschland gekommen war, um mich zu besuchen. Karneval an sich war natuerlich ein absolut einzigartiges Erlebnis und total anderes als in Deutschland...die Karnevalszeit hier in Rio de Janeiro ist, neben den Fussballländerspielen, das groesste Fest des Jahres. Im Gegensatz zu Deutschland geht man in Rio in das “Sambodromo”, wofür man eine sogar fuer Europaeer, recht hohe Summe zahlt. Das „Sambodromo“ muss man sich wie eine Strasse vorstellen, an deren beiden Seiten riesige Tribunen aufgebaut sind. Dort finden Paraden sogenannter “Sambaschulen” statt. Die besten dieser Schulen nehmen an einer Art Wettbewerb teil. Es gilt, die beste Musik, die besten Kostueme, Choreografien und den besten Auftritt insgesamt hinzulegen. Der Gewinner erhaelt ein recht hohes Preisgeld. Um bei diesem Wettbewerb so gut wie nur moeglich abzuschneiden, verbringen diese Sambaschulen den Rest des Jahres damit, sich fuer den Umzug im naechsten Jahr vorzubereiten. Jede dieser Sambaschulen wurde von einer “Favella” (Armenviertel) gegruendet, jedoch treten heutzutage Menschen aus allen vorstellbaren Schichten zusammen auf, ohne dem Status der anderen auch nur das geringste Gewicht beizumessen. Wir, das heisst mein Cousin, die im Januar nach Nova Friburgo gekommene Suedafrikanerin Nicole und ich, waren am zweiten Karnevalstag im Sambódromo und durften dieses aussergewoehnliche Spektakel bestaunen. Zu unserem grossen Bedauern regnete es fast die gesamte Nacht, was uns aber trotzdem nicht den Spass an den wunderschoenen Bildern rauben konnte. Das einzige, was nach einiger Zeit schwer zu ertragen war, war die Musik, denn jede Sambaschule hat ein Lied, welches waehrend ihres gesamten Auftrittes immer und immer und immer wieder wiederholt wird. Nun muss man sich vorstellen, dass jede dieser Schulen zwischen ein und eineinhalb Stunden lang auftrat, und man waehrend dieser Zeit der Laenge des Liedes entsprechend unzaehlige Wiederholungen hoeren musste. Zu all dem steht man auch noch fast die gesamte Zeit, und wenn man bedenkt, dass wir um 18:00 Uhr gekommen und gegen 4:00 Uhr morgens, noch vor dem Ende, gegangen sind, ist es nicht ueberraschend, dass wir am naechsten Tag erst gegen 15:00 Uhr aufgewacht sind! Ein Besuch des Sambódromo ist meiner Meinung nach auf jeden Fall empfehlenswert, auch wenn es mir nun nicht mehr schwer faellt nachzuvollziehen, warum ein Grossteil der Brasilianer versucht vor dem Karneval wegzulaufen, denn den ganzen Trubel jedes Jahr aufs Neue erleben zu muessen ist sicherlich sehr anstrengend...

    Den Rest des Besuches meines Cousins verbrachten wir in Begleitung brasilianischer Freunde in einigen von mir auf der Nordostreise besuchten Plaetzen, die ich dieses Mal allerdings aus einer absolut anderen Perspektive erleben durfte. So lernten wir beispielsweise einige Brasilianer, aber auch sehr sehr viele Touristen aus allen moeglichen Ecken der Welt kennen, mit denen wir teilweise sogar E-Mail Adressen ausgetauscht haben, um spaeter den Kontakt aufrecht halten zu koennen. Sehr interessant war es auch, mehr ueber andere Moeglichkeiten einen Austausch zu machen zu erfahren. So lernten wir z.B. eine Frau kennen, die schon in mehreren Laendern war, wo sie an Schulen Englischunterricht gab. Dadurch wird man, wie sie sagte, nicht reich, aber man lernt viele Kulturen und Sprachen kennen und hat ein sehr farbenfrohes Leben. Ein anderes Maedchen hat ihre Ausbildung als Krankenschwester beendet und reist jetzt ein halbes Jahr durch Lateinamerika, von Stadt zu Stadt, ohne vorher zu wissen wo sie bleiben wird und wohin sie als naechstes aufbrechen wird. Unter anderem haben wir auch ein deutsches Studentenpaar getroffen, welches sich dadurch kennen gelernt hat, dass beide am Jahresaustausch von Rotary teilgenommen haben. Erstaunlich, wo man nicht alles ehemalige Rotaryaustauschschueler findet!
    Was ich ebenfalls absolut neu und anders erlebte war die Stadt Rio de Janeiro. Dies war mein erster Aufenthalt in der Grossstadt, bei dem ich weder bei meiner Gastfamilie war, noch mit einer komplett durchplanten Tour, sondern selbst entscheiden konnte, wohin wir gehen und was wir wann und wo machen. Wir wohnten in einem kleinen Hotel in Copacabana, einem der „guten“ Viertel von Rio, und bewegten uns praktisch nur mit oeffentlichen Verkehrsmitteln fort. Ich glaube, erst jetzt, nachdem ich die Stadt auch auf eigene Faust erkundigt habe, kann ich sagen, dass ich Rio de Janeiro wirklich kenne, wobei es immer noch vieles gibt, was ich nicht gesehen habe und womoeglich auch vor meinem Abflug nicht mehr sehen werde.
    Alles in allem muss ich zu Besuchen von Freunden oder Verwandten aus dem Heimatland waehrend des Austausches sagen, dass, zumindest nach meiner Erfahrung, dies nur positive und neue Aspekte mit sich bringt. Und man kann auch nach dem Austauschjahr mit Freunden und Verwandten wiederkehren, wenn es einem gut gefallen hat, denn zumindest Brasilien ist so gross, dass man hier jahrelang Urlaub machen koennte und man haette immer noch nicht alles gesehen.
    Sowohl meine Gastfamilie, als auch mein gesamter Freundeskreis hat sich ueber den Besuch meines Cousins gefreut und bereits angekuendigt, auch ihm einen Besuch abzustatten, wenn sie mich besuchen kommen.
    Die Gastfamilie, von der hier die Rede ist, ist immer noch die erste und bis jetzt die einzige Familie, bei der ich war. Allerdings hat mein Counselor nun endlich mit der Familie meiner guten Freundin und Klassenkameradin Laila gesprochen und sein Ok fuer einen Umzug in diese Familie gegeben. Nun ist leider ein leichtes Dilemma entstanden, denn ich fuehle mich sehr wohl mit meiner momentanen Familie, und auch sie scheint sich an mich gewoehnt zu haben und gut mit mir auszukommen. Als ich vor kurzem ein gesamtes Wochenende nicht zuhause war und meine Gastmutter erst am Montag nach der Schule gesehen hatte, sagte sie mir, dass sie mich waehrend dieser kurzen Zeit bereits wirklich vermisst haette. Dies macht es mir keineswegs leichter ihr sagen zu muessen, dass ich jetzt doch in eine andere Familie gehen werde, um doch noch einen zweiten Eindruck vom Familienleben hier in Brasilien zu bekommen...

    Was ich waehrend dieser gesammten Zeit sicherlich nicht wechseln werde ist meine Schule, wobei ich mit dem Ende des letzten Jahres zumindest die Klasse wechseln musste, denn meine erste Klasse ist nun in dem letzten Schuljahr, in dem die Schueler unheimlich viel lernen muessen und auch wesentlich mehr Wochenstunden haben, was fuer uns Austauschschueler nicht unbedingt notwendig ist. Aus diesem Grund sind alle Austauschschueler in neue Klassen im vorletzten Schuljahr gekommen. Da ich bereits seit Mitte Februar in dieser Klasse bin, hatte ich schon genuegend Zeit um mich mit meinen neuen Klassenkameraden anzufreunden und guten Kontakt herzustellen. Die Leute in dieser Klasse sind wirklich nett, auch wenn sie mir weniger interessiert in uns Austauschschuelern scheinen als meine erste Klasse. Dies kann aber auch ein taeuschender Eindruck sein, weil ich schon laenger hier bin und die Sprache beherrsche. Mit meinen alten Klassenkameraden sehe ich mich regelmaessig in den Pausen, und mit engeren Freunden auch nach der Schule oder an Wochenenden, wobei es mir in der neuen Klasse manchmal schon fehlt, wie der eine oder andere von meinen ehemaligen Mitschülern waehrend des Unterrichts zu scherzen vermochte. Meine besten Freunde sind allerdings immer noch die, mit denen ich mich in meiner ersten Klasse ganz zu Beginn des Jahres angefreundet habe, aber dies ist ganz natuerlich, denn sie waren die ersten, die ich hier in dem damals noch voellig fremden Land kennenlernte. Ausser mir ist noch die oben erwaehnte Suedafrikanerin Nicole in dieser Klasse, allerdings ist dies mehr theoretisch als praktisch, denn sie kommt kaum zum Unterricht, was wohl groesstenteils daran liegt, dass sie ihre schulische Ausbildung schon im letzten Sommer abgeschlossen hat und es nicht mehr gewohnt ist, regelmaessig zum Unterricht zu kommen. Ich versuche ihr etwas portugiesisch beizubringen, allerdings ist sie nicht genug daran interessiert, die Sprache zu lernen, und engagiert sich folglich auch nicht. Zum momentanen Stand meiner Portugiesischkenntnisse ist zu sagen, dass ich vor einer Woche einen Aufsatz in Portugiesisch mitgeschrieben habe und 87,5% der gesamten Punktzahl erhalten habe. Besser als ich haben von 43 Schuelern nur vier abgeschnitten.

    Zu meinen Aktivitaeten sind nun noch Capoeira- und Schlagzeuguntericht hinzugekommen. Capoeira ist eine brasilianische Kampf-Tanz-Sportart, welche hier zur Zeit der Kolonisierung entstand. Da Sklaven oefters unter sich kaempften und ihre “Herren” nicht wollten, dass sie sich verletzten, wurde eine Mischung aus Kampf und den religioesen, aus Afrika stammenden, Taenzen gemacht, welche Capoeira (deutsch: Haehnenkampf) genannt wurde. Bei dieser Sportart werden zwar viele Elemente einer Kampfsportart benutzt, allerdings ist es verboten, einen anderen Taenzer absichtlich zu beruehren oder gar zu verletzen.
    Desweiteren mache ich, wie schon im letzten Bericht gesagt, drei Mal pro Woche Fussball und zwei Mal Gesangsunterricht, allerdings habe ich zumindest voruebergehend mit dem Gitarrenunterricht aufgehoert, da mir der Lehrer nicht all zu sehr gefiel. Zudem haben wir Austauschschueler nun doch eine Moeglichkeit gefunden an einem sozialen Projekt teilzunehmen. Wir werden ab naechster Woche in einem Kindergarten fuer Kinder aus Armen Familien aushelfen. Die Eltern dieser Kinder haben nicht genuegend Zeit, um mit den Kindern zu spielen und sie vielleicht auch einfach nur mal in den Armen zu halten. Dank all dieser Aktivitaeten ist meine Woche mehr als gefuellt mit Hobbies, die mir alle sehr viel Spass bereiten, und die ich teilweise so vielleicht nicht in Deutschland ausueben koennte.

    Zum hiesigen Rotary ist nicht so viel neues zu sagen. Letzten Freitag (26.03.2004) ist mein Gastclub 24 Jahre alt geworden, was im Vergleich zum Club Marburg/Lahn, der ja letztes Jahr sein 50-jaehriges Jubilaeum hatte, sehr jung ist. Wenn man allerdings den Altersunterschied der Laender an sich sieht, ist dies nicht sehr verwunderlich.
    In der ersten Aprilwoche werde ich nun auch meinen Deutschlandbericht vor unserem und den zwei anderen Rotaryclubs hier in Friburgo halten. Schon Ende des letzten Jahres hatte ich meinen Counselor nach einem Termin dafuer gefragt, allerdings hat es, so wie so ziemlich alles hier, einige Zeit gedauert, bis ich eine Antwort hatte...
    Im Mai werden wir dann auch unsere Distriktkonferenz haben, die nach dem in einem der vorherigen Berichte erwaehnten Treffen in Araruama das dritte Zusammenkommen aller Austauschschueler in dieser gesamten Zeit sein wird. Das zweite Treffen war erst vor kurzem im Maerz, allerdings war dies nur ein eintaegiges Treffen, welches von 9:00 bis um 13:00 Uhr ging. Informatives gab es dieses Mal nur fuer die Eltern der zukuenftigen Outbounds. Die Out- und Inbounds selbst wurden fuer diesen gesamten Zeitraum mit einem Spiel beschaeftigt, welches einen Vorbereitungszweck auf den Austausch haben sollte und sich als recht amuesant herausstellte. Es wurden Situationen nachgespielt, in die immer eine Person als Austauschschueler hereinkam, und versuchen sollte, sich moeglichst passend zu verhalten. Hinterher wurde das Verhalten besprochen und ueber andere Reaktionsmoeglichkeiten diskutiert.
    Ansonsten muss ich sagen, dass, wie man sieht, weiterhin nur sehr wenig Initiative von Seiten Rotarys kommt, und wir hier in Friburgo sogar etwas zu wenig Aufmerksamkeit von unserem Counselor bekommen. Allerdings ist dies auch verstaendlich, denn er ist nicht nur unser aller Counselor und Jugenddienstbeauftragter des Clubs sondern auch noch Vize-Chairman des Distriktes und der Vertreter des hiesigen Gouverneurs. Das einzige, worueber man nachdenken sollte, ist, ob es wirklich sinnvoll ist, all diese Taetigkeiten gleichzeitig auszuueben.
    Was noch interessant zu erwaehnen waere, ist, dass unsere Rebound-Freunde aus Friburgo beschlossen haben hier in unserem Distrikt eine Rotexgruppe zu gruenden. Da wir in Deutschland bei unseren Vorbereitungen einigen Kontakt zu Rotex hatten und sie hier bis jetzt nur zu zweit sind, versuche ich, obwohl ich bis jetzt noch In- und nicht Rebound bin, etwas bei der Organisation des Ganzen zu helfen. Dies ist allerdings momentan recht schwierig, da diese beiden Rebounds im letzten Jahr in der Schule sind, und, wie schon erklaert, deshalb sehr viel lernen muessen. Trotz dieses Hindernisses geht es voran, auch wenn nur sehr langsam.

    Zu guter Letzt muss ich sagen: je mehr ich schreibe, desto klarer wird mir, dass es nicht all diese Themen sind, ueber die ich schreiben sollte, sondern was in meinem Kopf vorgeht, bzw. inwiefern sich meine Gedanken/Denkweise durch die Erfahrungen, die ich hier mache, aendern.
    Dies zu realisieren und mehr noch in Worte zu fassen scheint mir momentan nur sehr schwer moeglich, allerdings hoffe ich nach meiner Rueckkehr nach Deutschland mit der Zeit mehr und mehr diese Veraenderungen erkennen und nachvollziehen zu koennen.

    Der Mensch braucht Zeit um alles, was er durchlebt, zu realisieren und zu verarbeiten. So ist es auch mit meinem Austausch, denn ich bin mir sicher, dass mir erst nach einiger Zeit wirklich klar werden wird, wie viel dieser Austausch mir in Wirklichkeit gebracht hat. Sicher ist eines: Meine Zeit hier war und ist auf jeden Fall eine sehr vielseitige und lehrreiche Erfahrung, fuer die ich ausserordentlich dankbar bin. Ich hoffe diese Dankbarkeit in Zukunft sowohl durch meine Praesentation, als auch moeglicherweise auf andere Weise zumindest ein wenig zeigen zu koennen und dadurch einen Teil meiner Erfahrungen von diesem Austausch mit Ihnen zu teilen.
    Vielen Dank, liebe Rotarier des Clubs Marburg/Lahn, an jeden Einzigen von Ihnen, der mir dies ermoeglicht hat!
    Bis zu unserem schon sehr baldigen Treffen,
    Ihre Alexandra Pevzner
    Saturday, January 10th, 2004
    11:56 pm
    Quartalsbericht Januar
    Zweiter Quartalsbericht aus Brasilien von Alexandra Pevzner

    Die vergangenen zwei Monate habe ich im Gegensatz zu der Zeit zuvor, alles andere als in einem sogenannten “Alltag” verbracht. Bereits Anfang November begann ich mich auf meine bevorstehende grosse vierwoechige Reise durch den wunderschoenen Nordosten Brasiliens vorzubereiten: viele speziell auf dieser Fahrt benoetigten Kleidungsstuecke mussten beschafft, mehr Pins zum Tauschen gemacht, Dokumente gefunden, kopiert und an die Veranstalter gesendet werden. Zu all dem kamen auch noch die Abschlusspruefungen in der Schule, die ich beschlossen hatte soweit wie moeglich mitzuschreiben, denn die neue Sprache stellt nun ueberhaupt kein Hindernis mehr dar. Als schliesslich der 21igste November und somit das Ende des Schuljahres fuer die, die direkt bestanden haben kam, sollte unsere Reise auch schon beginnen. Waehrend die Mehrzahl unserer Klassenkameraden fuer weitere drei Wochen in die Schule gingen und Pruefungen in den nicht bestandenen Faechern schrieben, befanden wir Austauschschueler aus Nova Friburgo uns bereits in den Ferien zusammen mit weiteren 45 Inbounds aus 19 Laendern mit denen wir von einem wunderschoenen Ort zum naechsten reisten und nicht nur die brasilianische, sondern auch unsere gegenseitigen Kulturen besser kennenlernten. Diese unsere Reise entsprach in etwa der in Deutschland angebotenen Euro-Tour fuer die Inbounds, denn auch sie wurde von Rebounds organisiert, die allerdings ein Reisebuero zusammen eroeffnet haben und jetzt jaehrlich mehrere Fahrten durch verschiedene Teile Brasiliens sowohl fuer Rotary, als auch fuer einfach reisende organisieren. Diese vier Wochen waren mit Sicherheit einer der Hoehepunkte meiner bisherigen und moeglicherweise auch meiner gesamten Austauschzeit hier in Brasiliens, denn hier lernte ich, wie ich es mir von diesem Austausch erhofft hatte, nicht nur die Einwohner des Landes in dem ich mich befinde, also Brasilianer, sondern Jugendliche meines Alters aus weiteren Laendern, die in der gesamten Welt verteilt sind, kennen. Sogar mehr als das, denn wir verbrachten einen grossen Teil dieser vier Wochen in einem Bus alle zusammen, was uns so nah zusammenwachsen liess, dass wir nun sogar eine Art Familie geworden sind. Jeder weiss, wie wer am liebsten gewaeckt wird, wer was mag bzw. hasst und vieles vieles mehr...
    Zusammen mit uns waren zwei Koordinatoren von dem Tourbuero, ein Rotarierehepaar und ein Arzt als Aufsichtspersonen unterwegs, allerdings sind auch sie am Ende zu einem Teil unserer grossen internationalen Familie geworden, auch wenn das Verhaeltnis zwischen uns Austauschschuelern natuerlich ein etwas anderes war.
    Eine angenehme Ueberraschung war fuer mich, dass die im ersten Bericht bereits erwaehnte Johanna, mit der ich zusammen aus Frankfurt nach Sao Paolo geflogen bin, ebenfalls mit dieser Gruppe reiste und wir uns somit nach zwei Monaten wiedertrafen. Wie komisch es auch scheinen mag, aber der Fakt, dass wir zusammen in diesem Flugzeug sassen und zusammen erste Eindruecke von Brasilien bekamen hatte eine unheimlich bindende Wirkung. Es war wirklich sehr angenehm dieses mir noch aus Deutschland bekannte Gesicht wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihr denn nach unserer Trennung erging und das obwohl wir uns nur ein einziges mal kurz unterhalten haben.
    Was mich bei dieser Reise ebenfalls sehr beeindruckt hat ist, dass man eine sehr starke Gruppenbildung gesehen hat, aber alle trotzdem unheimlich gut miteinander ausgekommen sind: eine Gruppe waren die unheimlich liebenswuerdigen und praktisch immer gut gelaunten Japaner, eine andere die englischsprachigen Austauschschueler aus den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, England und einige wenige aus anderen Laendern und schliesslich die dritte am buntesten gemischte Gruppe mit Leuten aus allen moeglichen anderen, aber auch einigen aus den soeben aufgezaehlten Laendern. Allerdings hatten alle, auch unter den Gruppen, ein absolut fabelhaftes Verhaeltnis zueinander. Man konnte jedoch waehrend dieser vier Wochen einige typische Merkmale der Inbounds aus jedem einzelnen Land feststellen und dadurch die einen oder anderen Vorurteile bestaetigen bzw. widerlegen. Ein weiteres Ereignis waehrend dieser Reise sollte mein Geburtstag werden, jedoch habe ich insbesondere an diesem Tag meine leibliche Familie vermisst, da ich, obwohl mir alle gratuliert haben und mir sogar eine Sambaband Happy Birthday im Sambastil auf der Strasse gesungen hat trotzdem nicht das Gefuehl hatte, dass dieser gesamte Tag besonders ist. Deswegen ging es mir schon wesentlich besser nachdem ich mit meiner Familie und meinen Freunden kurz telefoniert hatte, was den darauffolgenden Abend doch noch recht schoen sein liess.
    Sehr gut fand ich auch, dass alle miteinander ueber andere und auch ueber sich selbst lachten, ohne sich dabei angegriffen zu fuehlen. Mehr als das, wir erzaehlten mehrmals beim zusammensitzen Witze mit beispielsweise einem Deutschen, einem Englaender, und einem Amerikaner oder jemandem mit einer anderen Nationalitaet, bei denen einem besonders gut klar wurde, das genau dieser Witz auch mit Menschen aus einem absolut anderen Land erzaehlt werden koennte und der Witz nicht verloren ginge. Dies allerdings zeigt, wie gleich die Maengel aller Menschen wiederum sind. Dieses Thema der Gleichheit der Menschen und andere ethische bzw. moralische Themen haben wir ebenfalls oft diskutiert, da wir im Bus bei den riesigen Strecken, die wir zwischen einem Punkt und einem anderen zuruecklegten die perfekte Moeglichkeit zum Reden ueber Themen aller Arten hatten. Es war interessant zu sehen, dass teilweise die aus dem gleichen Land Kommenden auch eine aehnliche Meinung bezueglich dieser Sachen hatten und andere eine Vielzahl von absolut unterschiedlichen Vorstellungen. Dabei stellte ich zwei fuer mich recht ueberraschend kommende Dinge fest:
    Deutsche Jugendliche, zumindest die, die auf dieser Reise mitwahren, sind die mit am meisten offenen fuer alles Neue und unbekannte. Damit meine ich, dass wir aus Deutschland kommenden mehr an den neuen Kulturen interessiert waren, als viele der anderen und deswegen auch recht enttaeuscht wurden von dem kulturellen und geschichtlichen Programm, das uns angeboten wurde. Das Problem ist naemlich, dass Brasilien ein sehr junges Land ist und deswegen noch nicht all zu viel Geschichte vorzuweisen hat. Aus diesem Mangel an Sehenswuerdigkeiten dieser Art wurden uns beispielsweise bei mehreren Stadtfuehrungen die Shoppingcenter, Yachtclubs und Haeuser, in denen jemand beruehmtes geboren ist gezeigt. Fuer uns Europaeer, die wir gewoehnt sind sehr viele alte Bauten und geschichtlich wichtige Orte ueberall wo wir hingehen zu haben, war dies natuerlich enttaeuschend. Allerdings war die Natur, wie erwartet, natuerlich absolut einmalig auf der Welt. Obwohl diese unsere Reise nicht in das Amazonasgebiet ging haben wir trotzdem eine unheimliche Anzahl von unterschiedlichen Landschaftsbildern gesehen: wunderschoene Berge mit Tropfsteinhoehlen, Wasserfaellen und einzigartigen Panoramabildern auf eine sich endlos in die Ferne erstreckende Landschaft und nicht zu vergessen die fantastischen auf der ganzen Welt bekannten Straende ganz vom Sueden bis zum Norden Brasiliens...Das eigentliche Programm unserer Reise koennen sie sich unter http://www.terrabrasil.com/english/nordeste_dez.asp nochmals genauer anschauen und sich ein besser Bild davon machen, was wir auf dieser wirklich einzigartigen Fahrt erlebt haben.
    Eine weitere sowohl Ueberraschung, als auch leichte Enttaeuschung war, dass keiner der fuenf mit uns reisenden Japaner die juedische Religion, der ich angehoere, kannte. Es war sehr schwer ihnen zu erleutern, dass die fuenf Weltreligionen sich aus Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus zusammensetzen und dass das Judentum eine der Ausgangsreligionen war aus der sich andere Religionen wie z.B. das Christentum herausbildeten. Dies stellte allerdings nicht im geringsten ein Problem fuer mich dar. Im Gegenteil, ich habe versucht, so gut es mir moeglich war, zu erlaeutern, was genau das Judentum ist und welche Vorstellungen man dort hat. Ich glaube, dass meine japanischen Freunde sich jetzt zumindest in etwa etwas unter dem Judentum vorstellen koennen.
    Am Ende dieser tollen Reise wurde dann eine Wahl durchgefuehrt, bei der ein jeder Austauschschueler den besten in etwa 20 verschiedenen Kategorien waehlen musste. Ich gewann bei der Kategorie beste Austauschschuelerin, was bedeutet, dass sowohl meine Sprachkenntnisse, meine Kommunikationsfaehigkeit, der Wille mich mit so vielen Menschen wie moeglich anzufreunden, als auch die Offenheit gegenueber allem Neuen und Unbekanntem von den anderen Austauschschuelern gewuerdigt wurden. Allerdings war dies eine ziemliche Ueberraschung fuer mich, denn obwohl ich wirklich versucht habe mein Bestes in diesen Punkten zu machen, erschien es mir am Ende immer noch, dass ich mich haette mehr mit dem einen oder anderen unterhalten sollen, denn jeder der mitgereisten Inbounds hatte eine interessante und andere Persoenlichkeit, als die anderen.
    Als nun schliesslich der Bus anhielt und wir, die in Rio die Reise verliessen, uns von allen verabschieden und trennen mussten kamen dem einen oder anderen schon die Traenen, denn es ist recht unklar ob und wann wir uns denn alle wiedersehen werden. Ich hoffe, dass so viele wie moeglich meiner Einladung folgen werden und beispielsweise 2006 nach Deutschland zur Fussball-WM kommen.
    Zuhause erwartete mich ein neues Familienmitglied: die beste Freundin meiner Gastschwester Carol namens Johanna, mit der sie sich waehrend ihres Austausches in Daenemark angefreundet hat und welche sie jetzt fuer ganze drei Monate, also schon fast mit einem privaten Kurzaustausch hier in Brasilien besucht. Mich hat es sehr gefreut zu sehen, wie wunderbar doch ihr Austausch funktioniert hat, da dieser Besuch fuer mich nachweist, dass sie, wie auch erhofft, Freunde in dem Land, in welchem sie ihren Austausch verbrachte, hat und mit diesen immer noch in Kontakt steht. Wir, Johanna und ich, haben uns sofort angefreundet und sind mittlerer Weise absolut wie Schwestern in dieser meiner brasilianischen Familie. Allerdings war dies nicht das einzige Neue, denn ich wurde in die Mitte meines ersten Weihnachtsstresses hineingezogen, denn meine Familie in Deutschland feiert kein Weihnachten, da wir nicht christlichen Glaubens sind. Hier allerdings erlebte ich das erste brasilianische Weihnachten meines Lebens in vollen Zuegen! Die Zeit zwischen meiner Ankunft und heiligem Abend verbrachte ich komplett mit Schmuecken und Dekorieren, Kochen und Backen, dem verzweifelten Suchen nach den letzten Geschenken und gemuetlichem Zusammensitzen mit der Familie am Abend beim beispielsweise Fernsehen. Ich muss wirklich sagen, dass all dieser Weihnachtsrummel mir ausserordentlich gut gefallen hat und an die Vorbereitungen zu jeglicher Feier mit meiner Familie in Deutschland, welche ebenfalls recht chaotisch vonstatten gehen, erinnerte.
    Die Weihnachtsfeier an sich verlief wie folgt:
    Am 24igsten Dezember wurden alle morgens frueh geweckt und verbrachten den Tag mit den letzten Vorbereitungen zum Fest. Um sieben wurde der Tisch zum gemeinsamen Abendessen gedeckt und sowohl mein Gastvater, als auch meine hiesigen Grosseltern kamen zu uns in die Wohnung. Die mitgebrachten Geschenke wurden unter den kleinen kuenstlichen Weihnachtsbaum zu den bereits dort liegenden Geschenken gelegt. Mein Gastvater hat, da er deutscher Abstammung ist, Kontakt zu vielen deutschen Laeden hier in Brasilien, unter anderem zu einer deutschen Baeckerei in Rio, bei welcher er Weihnachtsgebaeck vieler Arten wie beispielsweise Spekulatien und Lebkuchen vieler Arten besorgte. Ausserdem wurden verschiedene Nuesse und Trockenfruechte auf den Tisch gestellt. Nun hiess es warten auf die Ex-Frau des Bruders meiner Gastmutter (warum die Ex-Frau und nicht der Bruder meiner Gastmutter kam habe ich immer noch nicht ganz verstanden). Um zehn, also zwei Stunden spaeter als vereinbart, kam sie dann schliesslich und alle begannen zu essen. Der Tisch war reichlich bedeckt mit Essen aus drei Laendern: Brasilien, Daenemark und Deutschland (Johanna und ich haben zusammen ein Fleischgericht und einen Nachtisch gemacht, welche beide ausgezeichnet geworden sind). Gegen Mitternacht waren alle schliesslich voll und das Geschenkeauspacken begann. Mein Gastbruder und ich mussten als die juengsten der Familie alle Geschenke an die Adressaten verteilen. Auch ich habe ein paar schoene Geschenke bekommen, von denen mir zwei Buecher auf portugiesisch am besten gefallen haben, da ich nun meine Sprachkenntnisse noch weiter verbessern kann. Nach dem Auspacken der Geschenke kam fuer mich der Teil des Abends, den ich am wenigsten erwartet hatte: meine Gastschwester, Johanna und ich sollten auf die groesste Party des Jahres gehen. Schnell machten wir uns zurecht und verliessen gegen ein Uhr Nachts das Haus. Nie habe ich mir frueher vorstellen koennen, dass man nach dem gemeinsamen Essen an Weihnachten noch auf eine Party geht. Allerdings habe ich von den Erzaehlungen der anderen Inbounds verstanden, dass dies wohl nur hier in Brasilien so ueblich ist, denn ihnen kam dies alles ebenfalls sehr eigenartig vor. Gefeiert wurde bis um fuenf oder sechs des naechsten Morgens. Gegen halb elf rief dann eine Rotarierin aus meinem Club bei uns an und wollte, dass ich ihr den Namen des englischen Inbounds aus unserem Club nenne und sein Aussehen beschreibe. Als ich dies getan hatte erkundigte ich mich was denn geschehen sei und erfuhr, dass er gegen neun auf der Strasse liegend an einem recht weit entfernten Ort von der Party vom Vortag von der Polizei gefunden wurde und sich jetzt im Krankenhaus befindet. Er sollte sich angeblich betrunken haben und dann bis dahin gelaufen sein, allerdings waren wir Austauschschueler auf dieser Feier alle zusammen und ich weiss deshalb, dass er nicht betrunken war. Ausserdem war komischerweise seine Lippe aufgeschlagen, sein gesamtes Shirt voller Blut und sowohl sein Portmonait, als auch seine Uhr waren verschwunden. Da er zuvor schon einige Probleme mit seinem Visum hatte und jetzt in noch mehr Schwierigkeiten hereingeraten ist, entschied Rotary ihn um weiteren Problemen aus dem Weg zu gehen und ihn vor denen, die ihn beraubt haben zu schuetzen bereits am Abend des folgenden Tages zurueck nach England zu schicken. Nach diesem Vorfall werden wir anderen Inbounds noch vorsichtiger sein muessen und Rotary wird jetzt wahrscheinlich auch um einiges strenger mit uns sein. Alles was uns bleibt ist abwarten wie sich alles entwickeln wird.
    Gegen vier Uhr des selben Tages kamen dann die gleichen Gaeste wie am Abend zuvor und die Reste des Essens vom Vortag wurden bei einem gemeinsamen Mittagessen etwas verringert. Am Abend war dann das grosse Aufraeumen angesagt: Kueche, Wohnzimmer und alles was sonst noch sein musste wurde in mehr oder weniger den vorweihnachtlichen Zustand gebracht.
    Und so endete fuer mich mein erstes Weihnachtsfest. Nicht ganz wie ich es erwartet hatte, aber auch sehr interessant und angenehm. Allerdings erklaerte mir meine finnische Freundin, dass dies nicht das Weihnachten war, wie ich es kennenlernen sollte und dass ich unbedingt irgendwann zu ihr an Weihnachten nach Finnland kommen muss, damit ich Weihnachten einmal so erlebe, wie es ihr richtig zu sein erscheint...Ich werde versuchen dieses Angebot irgendwann zu nutzen.
    Am darauffolgenden Tag rief mich genau diese Finnin, Laura, an und fragte ob ich mit ihrer Familie und ihr gerne bis Silvester segeln gehen wuerde. Diese Frage liess ich mir nicht zweimal stellen und nach einem kurzen Gespraech mit meinem Counsellor, der bei all den Problemen mit dem englischen Jungen froh war uns nicht in der Stadt zu haben, einem kurzen Verabschieden mit genau diesem Jungen und einer weiteren Stunde zum Packen sassen wir im Bus nach Niteroi, wo wir von dem Rest der Familie abgeholt wurden. Die naechsten vier Tage verbrachten wir in einem absoluten Paradies auf einem kleinen Segelboot. Jeder Tag bestand aus drei von uns selbst zubereiteten Mahlzeiten und sehr viel Segeln, Schwimmen und Spass bei allem. Am schoensten waren allerdings wohl die Naechte und insbesondere der wunderschoene Sternenhimmel. Allerdings schafften wir es auch hier sehr viel Spass zu haben, denn wir haben verzweifelt versucht den Polarstern und einige Sterngebilde am Himmel zu finden, ohne zu bedenken, dass wir uns auf der suedlichen Haelfte der Erde befinden und die noerdlichen Sterne/Sterngebilde folglich nicht sehen koennen. Es war ausserordentlich amuesant, als wir verstanden, was fuer einen Bloedsinn wir die ganze Zeit gemacht hatten. Aber der wunderschoene Sternenhimmel hatte auch noch eine weitere Wirkung auf uns, naemlich, dass uns recht philosophische Gedanken kamen wie z.B.: Der Himmel und die Sterne sind sowohl hier, als auch in unseren Heimatlaendern gleich (abgesehen davon, dass man einige Sterne von dem einen Ort sehen kann und von dem anderen nicht). Diese Illusion gibt einem das Gefuehl, dass diese zwei Laender Brasilien und Deutschland, die so weit auseinander liegen, eigentlich so nah zusammen sind... Oder, was Ihnen vielleicht seltsam erscheinen mag, dass ich jetzt schon 16 Jahre alt bin und sich solange ich mich zurueckerinnern kann nicht wirklich etwas veraendert hat, obwohl sich doch so vieles veraenderte... Oder, dass mir waehrend dieser Reise immer klarer geworden ist, dass der Gedanke, dass alle Menschen gleich sind nicht stimmt. Der Satz sollte heissen alle Menschen haben die gleichen Rechte, denn die Menschen sind unheimlich unterschiedlich und ich meine nicht das Aussehen, sondern die Mentalitaet und Verhaltensweisen. Ich kann, da ich in der Ukraine geboren bin, noch etwas besser die Unterschiede und Gemeinsamkeiten einiger Volksgruppen sehen. Beispielsweise erscheinen mir die Latinomentalitaet und die Mentalitaet vieler osteuropaeischer Voelker viel mehr Gemeinsamkeiten zu haben, als beispielweise Nordamerikaner und Deutsche. Allerdings findet man in allen diesen Gruppen nettere und weniger nette, intelligentere und weniger intelligente, huebschere und weniger huebsche Menschen, was alle eine gewisse Gemeinsamkeit haben laesst...
    Nach dieser wundervollen Zeit brachen wir am 31igsten zusammen mit Lauras Gastbruder auf in Richtung Rio de Janeiro, wo wir meine Gastfamilie in der Wohnung meiner brasilianischen Grosseltern trafen. Dort wiederholte sich das Vorgehen von Weihnachten in etwas kleinerem Masse. Gegen zehn Uhr sass eine ziemlich internationale Gruppe am Tisch und ass zusammen zu Abend. Die bei diesem Essen vertretenen Laender waren Deutschland, Finnland, Daenemark, Australien (Rebound, die letztes Jahr dort mit Rotary war) und natuerlich Brasilien, jedoch sollte damit noch nicht Schluss sein, denn um halb elf kam Shantala, eine Schweizerin, die wir auf unserer Nordostreise kennengelernt haben und mit der wir auch den Rest des Abends zusammen verbrachten. Um Mitternacht waren wir schliesslich alle am Strand und begruessten das neue Jahr mit weiteren drei Millionen Menschen am weltberuehmten Strand Copacabana mit einem Feuerwerk. Jedoch nicht das Feuerwerk, wie die meisten Brasilianer dachten, beeindruckte mich, sondern die Menschenmasse, der Strand und die knapp 25 Grad Celsius am 31.12/01.01 Die Nacht verbrachten wir Austauschschueler mit meiner Gastschwester und ihren brasilianischen Freunden, mit denen wir zusammen auf dem kostenlosen Konzert auf dem Strand bis in etwa halb sieben des naechsten Tages feierten... Waehrend dieser gesamten Zeit war und ist es bis heute noch aeusserst schwer sich vorzustellen, dass irgendwo und insbesondere in Deutschland jetzt Schnee liegt und es kalt auf der Strasse ist, wobei es gleichzeitig auch sehr komisch scheint, dass es Silvester war und wir um Mitternacht immer noch 25 Grad hatten.
    Abschliessend muss ich sagen, dass diese zwei Monate, was Heimweh angeht, mir schon um einiges leichter gefallen sind, ich bis jetzt keine nennenswerten Probleme hatte und jetzt nach dieser wundervollen Zeit voller Reisen und Feiertagen wohl langsam wieder zum Alltag zurueckkehren werde. Ich werde voraussichtlich naechste Woche wieder mit meinem Musikunterricht weitermachen und dann nach und nach auch meine restlichen Hobbies wieder aufnehmen. Bezueglich meiner zweiten Gastfamilie ist mir immernoch kein bestimmter Termin fuer den Wechsel bekannt, allerdings werde ich ihn voraussichtlich heute auf meinem ersten Rotarytreffen nach eineinhalb Monaten erfahren. Ich finde meine momentane Familie toll und bin keineswegs in Eile sie zu wechseln.
    Nochmals ein RIESIGES, GIGANTISCHES Dankeschoen aus Brasilien fuer dieses tolle, lehrreiche und interessante Jahr in dieser meiner bereits dritten Heimat (1. & 2 . sind Deutschland und Ukraine), dem wunderschoenen Land Brasilien!!!
    Ich hoffe sie hatten ein schoenes Weihnachtsfest und einen angenehmen Rutsch ins neue Jahr J
    Herzlichen Glueckwunsch nachtraeglich zum 50-jaehrigen Jubilaeum des Clubs und bis zum naechsten Bericht,
    Ihre Alexandra Pevzner
    11:54 pm
    Rotarybericht Oktober
    Erster Quartalsbericht aus Brasilien von Alexandra Pevzner
    “Another day in paradise” (deutsch: ein weiterer Tag im Paradies) dank Rotary…

    Bereits seit dem 20. August befinde ich mich hier in der kleinen Stadt “Nova Friburgo” in dem wunderschoenen Traumland Brasilien, dem Land guter Stimmung, Sambas, Fussballs und des unendlichen Sommers, wie manch einer faelschlicherweise annehmen mag, aber auch, was nicht unerwaehnt bleiben darf, dem Land der gewaltigen Klassenunterschiede.
    Fuer mich ist jeder neue Tag hier, wie schon ganz am Anfang gesagt, ein weiterer Tag im Paradies:

    - Auf dem Schulweg durch eine Palmenallee in ein wunderschoenes altes Schulgebaeude, in dem es, auch wenn es draussen sehr heiss ist, immer erfrischend kuehl ist.
    - In der Schule mit “neuen” brasilianischen Freunden die Zeit bis um eins mit lesen, unterhalten und manchmal sogar mit zuhoeren und lernen J verbringen.
    - Nach der Schule in die 200 Meter von der Schule entfernte Wohnung zu einem bereits zubereiteten Mittagessen und danach den ganzen Tag Freizeit, die ich mit meinen Lieblingsbeschaeftigungen ausfuellen kann!

    Fuer mich, wie wahrscheinlich auch fuer die meisten anderen Austauschschueler, die mit Rotary in Brasilien oder irgendeinem anderen Land der Welt sind, ein absoluter Traum! Schon hier an dieser Stelle muss ich mich fuer diese einzigartige Moeglichkeit bedanken, was ich, wie ich befuerchte, noch mehrmals waehrend meiner Berichte machen werde…

    Nach einigen Problemen mit meinem Visum, die durch den grossartigen Einsatz mehrerer Personen, den ich dafuer unheimlich dankbar bin, geloest wurden, kamen auch schon die letzten Tage in Deutschland, die das Packen der letzten Sachen und sehr viel Abschiednehmen mit sich brachten. Am schwierigsten fiehl mir wohl das letzte Wochenende vor meinem Flug, denn dieses verbrachte ich auf einem grossen Treffen mit allen meinen Freunden, wo ich auch letztlich voll und ganz realisieren musste, dass ich all diese mir wichtigen Menschen das naechste Jahr nicht sehen werde. Beim Abschiednehmen hier wurde dann auch schon etwas geweint und geschluchzt, was mir aber half mich ganz auf das, was mich erwartete zu konzentrieren und beim endgueltigen Abschied im Frankfurter Flughafen nicht mehr zu weinen. Um ehrlich zu sein, habe ich im Flughafen nicht nur nicht geweint, sondern ich war sogar uebertrieben froehlich. Jetzt, wenn ich im nachhinein darueber nachdenke, wird mir klar, dass es wahrscheinlich so nicht nur fuer mich leichter war Abschied zu nehmen, sondern ins Besondere fuer meine Eltern, denn mich weinend das letzte mal vor einem Jahr Trennung zu sehen ist nicht unbedingt ermunternd.
    Als ich dann den letzten Schritt in die Boardingzone machte, sodass meine Familie aus meinem Blickfeld komplett verschwand, spuehrte ich ploetzlich einen grossen Brocken in meinem Hals. Ich fuehlte mich ganz allein und verspuehrte nun abrupt nach meiner “unheimlich guten Laune” den Wunsch loszuweinen. Gluecklicherweise kam gerade in diesem Moment ein anderes Maedchen, Johanna, die sich ebenfalls soeben von ihrer Familie verabschiedet hatte, mit einem absolut roten Gesicht und schrecklich weinend in den Raum und ich konzentrierte mich darauf sie zu troesten, was auch mich selbst irgendwie troestete.
    Nach einem ziemlich ruhigen Flug, den die meisten von uns Inbounds mit schlafen und ersten Versuchen portugiesisch mit brasilianischen Nachbarn zu sprechen verbrachten, kam dann auch schon der Morgen mit den ersten Panoramabildern aus den Fenstern des Flugzeugs. Vor oder eher unter uns erstreckte sich eine wunderschoene Landschaft, die aus unzaehligen wunderschoenen groesseren und kleineren Bergen bestand. Durch unsere Reihen ging ein leichtes Aufsaeufzen von „ohs“ und „ahs“, denn dies war, zumnidest fuer mich, nicht ganz das, was ich zu sehen erwartete: Natur, wie man sie nur aus Dokumentarfilmen und Buechern kennt, war ploetzlich zum Greifen nah. Aber weder Urwald, noch das Meer waren in dem gesamten uns sichtbaren Landstueck zu sehen.
    In den fruehen Morgenstunden, so gegen fuenf Uhr, landeten wir schliesslich in Sao Paolo nachdem wir aus den Fenstern die Immensheit dieser Stadt zumindest in etwa zu spueren bekamen, denn nach einem bestimmten Zeitpunkt waren die Raender der Stadt nicht mehr zu sehen und man verspuehrte das Gefuehl in einer Stadt ohne Grenzen gelandet zu sein. Dort loeste ich auch schon selbststaendig mein erstes Problem in dem noch fremden Land, das fuer das naechste Jahr meine Heimat darstellen sollte. Das Problem war, dass uns kurz vor unserer Landung nebenbei gesagt wurde, dass alle Passagiere nach Rio de Janeiro in den fuenfzig Minuten, die uns bis zum Start des naechsten Flugzeugs blieben, ihr Gepaeck holen und noch einmal durch den Check-in gehen muessen. Da dies in so kurzer Zeit praktisch unmoeglich ist, begann ich mir schon in meinem Kopf auszumalen, was ich als erstes machen sollte und wie ich mit meiner Gastfamilie, die mich in Rio am Flughafen abholen sollte, in Kontakt treten wuerde. Gluecklicherweise erklaerte mir ein netter Bodenangestellter, der uns direkt am Ausgang aus unserem Flugzeug erwartete, auf portugiesisch und mit Hilfe von Handsignalen, dass kein Grund zur Aufregung vorliegt und dass mein Gepaeck natuerlich nach Rio weitergeleitet wird, ohne dass ich durch einen weiteren Check-in muss. Immernoch leicht nervoes setzte ich mich in mein Flugzeug, nachdem ich mich zuvor in Eile von den anderen Inbounds verabschiedet hatte, und begann zur Beruhigung zu lesen. Als letzte Passagiere betrat ein deutsches Ehepaar im Alter von etwa 50 Jahren das Flugzeug und setzte sich auf die freien Plaetze neben mir. Nach etwa zehn Minuten Flug hielt ich es dann nicht mehr aus und fragte woher aus Deutschland und wohin genau sie denn unterwegs seien. Es stellte sich heraus, dass ihre eigenen Kinder ebenfalls alle einen Jahresaustausch gemacht hatten und dass auch bei ihnen zu hause in Hamburg schon mehrere Austauschschueler fuer laengere Zeit ihr zu hause hatten. Bei dieser bestimmten Reise hatten wir ueberraschender Weise das gleiche Ziel: die 180.000 Einwohner-Stadt “Nova Friburgo”, die in etwa 160 km Entfernung von Rio de Janeiro in einem von Bergen umgebenen Tal liegt. Den kompletten restlichen Flug verbrachten wir im Gespraech ueber Dinge wie die guten und schlechten Seiten eines Jahresaustausches, das Land Brasilien und vieles mehr.
    Als wir schliesslich im Flughafen von Rio de Janeiro zur Landung ansetzten verstaerkte sich das Kribbeln in meinem Bauch und wollte mich auch nicht, bis zu dem Moment, in dem mich mein “Aufnahmekommitee” in die Arme schloss, verlassen. Bis zu diesem allerletzten Moment blieben meine Hamburger Nachbarn und ich zusammen, was mir selbst ziemlich geholfen hat, denn durch sie hatte ich das Gefuehl nicht ganz alleine unterwegs zu sein und im Notfall mit Hilfe rechnen zu koennen. Ich habe sogar gewissermassen das Gefuehl, dass diese zwei Menschen bereits eine Art erster Gasteltern fuer mich waren.
    Und dann war es soweit, nur noch eine Tuer und ich wuerde meine, auf mich wartende, neue Gastfamilie sehen, mit denen mein einziger Kontakt zuvor der e-mail Kontakt war und deren Gesichter ich noch nie vorher gesehen hatte. Allerdings stellte dies kein groesseres Problem dar, denn ich kam als einzige von allen Passagieren in einem gelben Rotary-Poloshirt des Distrikts 1820 heraus und da meine Gastfamilie schon einige Photos von mir in meiner Application-form gesehen hatte, wussten sie auch schon nach wem sie Ausschau zu halten hatten. Bereits nach ein paar Sekunden kamen ein Mann und zwei Jungs im Alter von etwa 17 oder 18 Jahren auf mich zu und der Mann begann mich auf deutsch willkommen zu heissen. Die Kleinigkeit, dass mein Gastvater deutsch spricht hatten meine Gastbrueder, die es waren mit denen ich mir noch aus Deutschland geschrieben hatte, einfach vergessen zu erwaehnen. Nachdem alle drei sich mir kurz vorgestellt hatten und ich realisierte, dass ich von meinem neuen deutschsprechenden Gastvater, dem aelteren meiner Gastbrueder Cristiano und einem ehemaligen deutschen Inbound aus Bad Vilbel, namens Felix Schwantje, der gerade fuer seine Sommerferien bei seinen ehemaligen Gastfamilien zu Besuch war, abgeholt wurde begaben wir uns auch schon zum Auto um in Richtung meiner “neuen Heimat“ aufzubrechen. Unterwegs wurden mir schon mal einige Sehenswuerdigkeiten, wie die Jesus-Statue, der “Zuckerhut”-Berg, hinter dem die weltweit bekannten Straende Rios “Copacabana” und “Ipanema” liegen, und nicht zuletzt die weniger schoenen direkt am Flughafen beginnenden “Favellas” gezeigt und eine Menge ueber die Geschichte des Lands Brasilien, des Staates “Rio de Janeiro” und der Stadt “Nova Friburgo” erzaehlt. Zwischendurch wurden selbstverstaendlich alle paar Saetze Fragen ueber Deutschland, meine Familie und mich selbst eingeschoben. Als ich schliesslich schon ziemlich viel ueber die Geschichte, das Klima, die Ekonomie etc. gehoert hatte fing Felix, der sein gesamtes Austauschjahr ja schon hinter sich hatte, an mir ueber meine Schule, den Rotary Club und alles, was mich so erwartete aus seiner Sicht zu erzaehlen. So kam es auch, dass die 1,5 Stunden Fahrt in sekundenschnelle vorueberging und wir in unserer Wohnung im Zentrum Friburgos ankamen. Meine Gastmutter empfing mich wie es sich fuer eine echte brasilianische Mutter gehoert mit Umarmungen und herzlichen Kuessen auf die Wangen und bald darauf lernte ich auch meinen juengeren Gastbruder Eriko, der wegen der Schule nicht zu hause war, kennen.
    Mitlerweile verstehe ich, dass fuer mich meine Gastfamilie das Idealbeispiel fuer eine Familie, die einen Austauschschueler aufnimmt darstellt, auch wenn die auesseren Umstaende dies moeglicherweise nicht so erscheinen lassen. Obwohl meine Gasteltern voneinander geschieden sind und ich nur mit meinem juengsten Gastbruder Eriko und meiner Gastmutter Carmem wohne (meine Gastschwester studiert bereits und wohnt deshalb in Rio de Janeiro und mein mittlerer Gastbruder ist seit dem 06.10 in der Kleinstadt Halver in NRW-Deutschland) hat diese Familie bereits seit dieser ersten Umarmung an meinem ersten Tag fuer mich voll und ganz die Rolle der Famlilie hier in diesem Land uebernommen. Natuerlich ist mein Verhaeltnis zu meiner Familie in Deutschland ein ganz anderes, als das zu meiner hiesigen Familie, aber genau sie sind es, die mir mit meinen kleinen “Problemchen” helfen, fuer mich jederzeit trotz ihres intensiven Alltags da sind und mich wie ein vollwertiges Familienmitglied behandeln.
    Die Familie selbst besteht aus den Eltern, die trotz ihrer Scheidung ein absolut freudschaftliches Verhaeltnis zueinander haben und den drei, oben bereits erwaehnten, Kindern. Die aelteste Tochter, Caroline, ist 19 Jahre alt. Sie war im Jahr 2001/2002 fuer ein Jahr in Daenemark mit Rotary und hat gleich nach ihrer Rueckkehr mit ihrem Ekonomiestudium in Rio begonnen, weshalb sie auch dort zusammen mit den Grosseltern lebt und nur einmal in zwei bis drei Wochen zu Besuch nach Nova Friburgo kommt. Da sie bereits selbst Erfahrungen mit einem derartigen Austausch gemacht hat weiss sie, wie es mir in manchen Situationen geht und ist immer bereit mir mit Rat und Tat, soweit dies irgendmoeglich ist, beizustehen. Der mittlere Sohn, Cristiano, ist 17 Jahre alt und der aktivste der Familie. Es gibt wohl keine einzige Sportart, die man nicht als sein Hobby bezeichnen koennte. Gluecklicherweise haben wir uns hier fuer ca. zwei Wochen nach meiner Ankunft und vor seinem Abflug getroffen, sodass ich die Moeglichkeit hatte ein weiteres unheimlich nettes und lebensfreudiges Familienmitglied kennenzulernen. Der juengste, Eriko, ist 16 Jahre alt und der einzige von meinen Gastgeschwistern, der waehrend meines gesamten Austauschjahres hier sein wird, wobei er im naechsten August selbst fuer ein Jahr nach Schweden weggehen wird. Er ist wohl eher der ruhigere der Familie, der es bevorzugt sich mit Freunden zu hause zu treffen und Computerspiele zu spielen, allerdings ist er, wenn man ihn braucht bzw. ihn um etwas bittet, immer sofort bereit alles stehen und liegen zu lassen um das, wonach er gebeten wurde zu erledigen. Meine Gastmutter ist ausgebildete Rechtsanwaeltin, ist aber momentan nur als Schwimmlehrerin taetig, was eigentlich eher ihr Hobby, als ihren Beruf darstellt. Ihre gesamte restliche Zeit verbringt sie damit fuer Pruefungen zu lernen, welche ihr die Zulassung als Richter zu arbeiten geben wuerden. Sie steht um vier Uhr morgens auf und geht um etwa zehn oder elf Uhr abends schlafen. Die Zeit dazwischen verbringt sie komplett mit lernen und zwischendurch arbeiten. Sie tut mir manchmal wirklich leid und ich moechte ihr irgendwie helfen oder zumindest eine Freude machen, aber da wir eine Hausangestellte haben ist das nicht so einfach. Wenn ich in Deutschland beispielsweise in einem derartigen Fall die Wohnung aufraeumen und ein schoenes Essen mit vielleicht einem Kuchen oder etwas derartigem zum Nachtisch machen wuerde, so muss ich mir hier etwas anderes einfallen lassen, da sowohl die gesamte Wohnung immer aufgeraeumt, als auch das Essen immer zubereitet ist (mindestens ein Kuchen muss natuerlich auch fuer alle greifbar in der Kueche stehen, denn man koennte ja Lust auf etwas suesses verspuehren). Natuerlich habe ich schon ein paar deutsche Nachtische zubereitet, ueber welche sich meine Familie auch gefreut hat, allerdings ist dies keine so grosse Freude, wie ich sie ihnen gerne zubereiten wuerde, da ich ihnen fuer alles unheimlich dankbar bin.
    Mein Gastvater Arno erscheint mir, seinem Temperament nach zu urteilen, mehr deutsch, als brasilianisch, denn er ist sehr ruhig und viel zurueckhaltender, als Brasilianer es normalerweise sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass meine Gasteltern beide von deutschen bzw. schweizer Einwandern abstammen. Der Grossvater meines Gastvaters kam zusammen mit seiner Familie in den 1830ern mit weiteren 400 Deutschen auf einem Schiff nach Brasilien, wo sie die Stadt Petropolis, welche etwa 80 km, von Friburgo entfernt ist, gruendeten. Diese Stadt, Petropolis, wurde spaeter zum sommerlichen Regierungssitz des zweiten brasilianischen Kaisers Pedros II. Der Urgrossvater meines Gastvater wurde spaeter einer der wenigen persoenlichen Photographen der kaiserlichen Familie. Heute noch kann man Buecher mit den Bildern der kaiserlichen Familie kaufen, auf denen in der Ecke der Name Otto Hees zu lesen ist. Sein Sohn brachte in den Jahren von etwa 1895 bis 1925 eine deutschsprachige Zeitung in Petropolis heraus. Von dieser Zeitung besitzt mein Gastvater einige Buecher in denen alle Zeitungsausgaben eines Jahres gesammelt sind. Vor ein paar Wochen hatte er mir diese ausgeliehen, damit ich mir ein Bild von der damaligen “deutschen” brasilianischen Zeitung machen konnte. Es war an sich schon sehr interessant und amuesant in einer echten Zeitung Anzeigen wie:“Gesucht: Martin Schmidt, geb. 1863 in Hamburg/Deutschland, angeblich seit November 1903 in Belo Horizonte.”, die in fast jeder Ausgabe mehrfach abgedruckt sind, zu lesen.
    Mein Gastvater selbst ist der Inhaber einer Schweinefarm, was heisst, dass sein Beruf darin besteht den Betrieb der Schweinezucht zu leiten, denn er hat mehrere Angestellte, die dort fuer ihn arbeiten. Ausserdem liegt es an ihm den Businessteil dieses Jobs zu regeln, also Kaeufer zu finden, mit ihnen gute Preise auszuhandeln usw. Von diesem Teil seines Lebens kriege ich allerdings so ziemlich gar nichts mit, denn diese Farm befindet sich an einem, mir nicht bekannten, Ort ausserhalb der Stadt, wo mein Gastvater nur einen kleinen Teil seiner Zeit verbringt. Er selbst lebt am Stadtrand auf einer eigenen Farm, die auf einem kleinen Berg umgeben von wildem Wald liegt. Dort, in etwa zehn Minuten Autofahrt vom Stadtzentrum, befindet sich ein riesiges Haus, welches die Familie selbst vor laengerer Zeit gebaut hat. In diesem Haus haben vor der Scheidung alle Familienmitglieder zusammen gewohnt, heute lebt mein Gastvater Arno dort ganz alleine. Diese Villa ist umgeben von einem gigantischen Grundstueck mit Fussballfeld, grosser Grillhuette, unzaehligen Fruchtbaeumen, wilden Voegeln und anderen wilden Tieren, die ab und zu aus dem Wald kommen.
    Wir, dass heisst meine Gastmutter, Eriko und ich, leben in einem recht grossen zweistoeckigen Appartment ganz im Stadtzentrum, wo mir ein eigenes Zimmer, das frueher Cristianos Zimmer war, zur Verfuegung gestellt wurde. Unser Haus befindet sich in der gleichen Strasse mit meiner Schule, was es mir erlaubt morgens etwas laenger zu schlafen und erst fuenf Minuten vor Unterrichtsbeginn, also um 7:25, das Haus zu verlassen. Auch der zentrale Platz, welcher von Laeden jeder Art umgeben ist, befindet sich etwa fuenf Minuten von unserer Haustuer entfernt, was uns erlaubt das komplette Geschehen in der Stadt aus dem Fenster mitzuverfolgen.
    Im Januar werde ich voraussichtlich meine Familie wechseln, was ich ehrlich gesagt ueberhaupt nicht moechte, denn hier in dieser Familie geht es mir gut und hier moechte ich eigentlich auch das ganze Jahr verbringen, wobei es natuerlich auch interessant ist zu sehen, wie andere Familien leben, sodass man mehrere Erfahrungen vergleichen kann. So oder so werde ich mit dieser Familie waehrend meines gesamten Jahres hier in Kontakt bleiben und werde versuchen ihnen doch noch in irgendeiner Weise meine Dankbarkeit zu zeigen.
    Was ich waehrend meines gesamten Jahres hier nicht wechseln muss ist die Schule die ich besuche. Der Name meiner Schule ist “Anchieta”. Sie ist die groesste von drei bekannten Privatschulen unserer Stadt und hat in etwa 2000 Schueler, die hier von der ersten bis zur letzten, elften Klasse betreut werden. Das Schulgebaeude ist, wie ich meine, eins der schoensten Bauten der Stadt und auch das Schulgelaende ist beeindruckend. Auf diesem Grundstueck befindet sich ein grosses Wildwaldstueck, in dem viele der Biologiestunden verbracht werden, da man hier das durchgenommene Unterrichtsmaterial direkt anhand der Natur verdeutlichen kann. Desweiteren sind fuenf Sportplaetze, sowie eine Sporthalle, eine im Freien gelegene Cafeteria und eine schuleigene Bibliothek vorhanden. All dies steht den Schuelern frei zur Verfuegung.
    Das Gebaeude selbst ist sehr alt und hat deshalb sehr hohe Decken. Wie auch das Gebaeude ist die Ausstattung in den Klassenraeumen ziemlich veraltet. Stellt man sich ein Bild eines Klassenraums von etwa 1900 vor, so wird man fast genau ein Klassenzimmer unserer Schule vor Augen haben. Jeder Schueler sitzt an einem einzelnen Tisch, welcher direkt an eine Bank befestigt ist. In einer Klasse befinden sich in etwa 30 bis 40 Schueler, vor denen wie bei einer Universitaetsvorlesung ein Lehrer etwas an der Tafel erklaert. Ebenfalls wie in der Universitaet gibt es keine muendlichen Noten, sondern nur die in den schriftlichen Pruefungen erziehlte Note. Aus diesem Grund ist es kein Bisschen unueblich, den einen oder anderen Tag einfach nicht in die Schule zu gehen und zu hause zu lernen. Befindet man sich allerdings in der Schule, so ist es aehnlich wie in einem Gefaengnis, denn man kann das Schulgebaeude nicht vor Unterrichtsende verlassen, ausser wenn man durch die Eltern am Telefon entlassen wird. Um Punkt 7:30 werden alle Tueren verschlossen. An jeder Tuer befindet sich ein Waechter, der aufpasst, dass keiner unerlaubt die Schule betritt oder verlaesst. Das Betreten der Schule ist so geregelt, dass man erstens, wenn man zu spaet kommt, erst nach Ende der Stunde rein kann und zweitens ist nach der zweiten Stunde die letzte Moeglichkeit die Schule zu betreten. Wer noch spaeter kommt kann gleich zu hause bleiben.Innerhalb der Schule befinden sich fuenf Koordinatoren, deren Arbeit daraus besteht, zwischen den Lehrern und Schuelern zu vermitteln. Allerdings sind auch sie mit dafuer verantwortlich, dass keiner den Unterricht schwaenzt oder in irgendeiner anderen Art gegen die Regeln verstoesst.
    Der Unterricht findet sechs mal die Woche von 7:30 bis 12:50 Uhr statt. Ich gehe jeden Tag in die Schule, allerdings schreibe ich die Arbeiten noch nicht mit, da ich teilweise den Unterrichtsstoff und teilweise die Sprache noch nicht genuegend beherrsche. Allerdings werde ich nach den Ferien, also im Februar naechsten Jahres versuchen alle Arbeiten komplett mitzuschreiben.
    Momentan bin ich in der vorletzten Klasse, also, wie hier gesagt wird, im zweiten Jahr, welches sich aus drei Klassen zusammensetzt. Meine Klasse zaehlt als die leistungsstaerkere und ist meiner Meinung nach die netteste von allen. Ich wurde sowohl von den Schuelern, als auch von den Lehrern unheimlich gut und mit viel Interesse aufgenommen. Jeder wollte mit mir sprechen oder mir zumindest hallo sagen. Sehr schnell habe ich Freunde, mit denen ich auch nach dem Unterricht etwas unternehme, gefunden. Hauptsaechlich haben diese in irgendeiner Weise mit Austausch zu tun, ob sie nun Rebounds, die anderen Inbounds, Outbounds oder Klassenkameraden, die nicht mit Rotary, sondern auf einem anderen Weg Austausch gemacht haben, sind. Natuerlich habe ich auch einfach brasilianische Freunde, aber eigentlich spielt es keine Rolle, was sie alle gemacht haben oder machen werden, die Hauptsache ist, dass ich mich mit ihnen jetzt angefreundet habe und wir viel Spass zusammen haben. Bezueglich der Unterrichtsfaecher und der Qualitaet des Unterrichts kann ich nur sagen, dass das System hier ein ganz anderes ist und man es nicht ganz einfach mit dem deutschen vergleichen kann. Beispielsweise werden hier in Mathematik im vorletzten Schuljahr die Matrix, Kombinatorik etc. durchgenommen, von denen man in Deutschland erst in der Universitaet zu sprechen beginnt. Andererseits wird Musik, Sport und Kunst nur in den juengeren Klassen und die Fremdsprachen zwar durchgehend, aber auf einem sehr niedrigen Niveau unterrichtet. Mir persoenlich scheint das deutsche System umfangreicher und im Allgemeinen auch besser zu sein, allerdings entspricht die Behauptung, dass in Brasilien das Schulsystem doch sowieso unheimlich schlecht ist und man gar nichts lernt absolut nicht der Wahrheit.
    Nach dem Unterricht sind fuer die Schueler mehrere Beschaeftigungsmoeglichkeiten in der Schule vorhanden. Abgesehen von einem Computerraum mit etwa 30 Computern mit Internetzugang, welche den Schuelern kostenlos von Montag bis Freitag jeweils bis um 17:00 Uhr zur Verfuegung stehen, bestehen so genannte Fachkurse, die den AGs in den deutschen Schulen entsprechen. Jede Schule hat beispielsweise eine Schulmannschaft in fast jeder Sportart, auf die die Schulen immer unheimlich stolz sind und die jeder Schule einen besonderen Zusammenhalt geben. Ausserdem gibt es Zeichen-, Theater-, Gitarren- und auch Ekonomiekurse. Sicherlich habe ich jetzt vieles ausgelassen, aber die von mir genannten Kurse sind die meist besuchten in der Schule.
    Nach dem Unterricht sind meine Beschaeftigungen mitlerweile schon einigermassen zum Alltag fuer mich geworden. Montags, mittwochs und Freitags gehe ich in eine Maedchenfussballmannschaft zum einstuendigen Training, dienstags habe ich Gitarrenunterricht und donnerstags Gesangsunterricht. Ich wollte meine Hobbies auch hier weiter ausueben, wodurch ich mit all diesen Beschaeftigungen begonnen habe, aber dadurch habe ich noch viele neue Freunde gewonnen. Es ist mir klar geworden, dass mit jeder neuen Sache, die ich hier mache, ich weitere nette und interessante Menschen treffe und dass ich deshalb versuchen sollte meine Zeit hier so aktiv wie moeglich zu gestalten. Eine neue Beschaeftigung ist das Fitnesszenter, in welches ich etwa drei mal pro Woche gehe. Fitnesstraining ist in Brasilien eine Art Mode. Mindestens vier von fuenf Menschen auf der Strasse gehen regelmaessig in irgendein Fitnesscenter um zu trainieren. Dadurch, dass diese Beschaeftigung so populaer ist, trifft man sehr viele Freunde und Bekannte beim Trainieren, was die anstraengenden Uebungen mehr zu einer Nebenbeschaeftigung bei Unterhaltungen macht.
    Zu all diesen Sachen kommen natuerlich Kinobesuche, Feiern bei Freunden und die einfachen Sachen, wie Lesen, Fernsehen und Musikhoeren, also alles, was man so zwischendurch zu hause macht. Da ich mir ausserdem noch vorgenommen habe in irgendeiner Art nuetzlich zu sein bringe ich einigen meiner Freunde kostenlos verschiedene Sachen bei, wie z.B. deutsch und russisch sprechen, Gitarre spielen und deutsche und ukrainische Gerichte kochen. Egal bei welcher Beschaeftigung, ich versuche das Beste draus zu machen und Spass zu haben.
    Montagabends kommt noch eine weitere Beschaeftigung zu den oben aufgelisteten dazu, naemlich die Rotarytreffen meines hiesigen Rotary Clubs “Caledonia”, welcher einer von dreien in Nova Friburgo ist. Die woechentlichen Treffen finden immer montags um 19:30 Uhr statt. Sowohl ich, als auch die anderen Austauschschueler aus meinem Club gehen etwa jede zweite Woche dorthin. Mein Counsellor, Eduardo Sancho, ist gleichzeitig der Jugenddienstbeauftragte unseres Clubs und der Vize-Chairman unseres Distrikts 4750. Da ich, als ich hier ankam, schon ein paar Saetze in portugiesisch sagen konnte wurde mir angeboten mich gleich bei meinem ersten Rotarytreffen hier, welches fuenf Tage nach meiner Anfunft war, ganz kurz und knapp vorzustellen. Obwohl ich nur sehr wenig in portugiesisch sagen konnte erschien es mir trotzdem richtig ein paar Saetze ueber mich zu sagen und mich dann schon mal kurz bei meinem Rotary Club zu bedanken. Ich habe das Gefuehl, dass allein schon der Versuch von Anfang an in der Landessprache zu sprechen von den Rotariern positiv eingestuft wurde.
    Mein Verhaeltnis zu den Rotariern in unserem Club ist sehr gut. Sowohl bei den Treffen, als auch bei einer zufaelligen Begegnung auf der Strasse begruesst man sich, wie fast immer in Brasilien, mit zwei Kuessen auf die Wangen und da vor den Treffen meistens noch zehn bis fuenfzehn Minuten kein Programm ist unterhalte ich mich immer mit dem einen oder anderen Rotarier. Diese Gespraeche hoeren sich teilweise so an, als waeren wir schon jahrelang gute Freunde, was allerdings wiederum in Brasilien keine Besonderheit darstellt. Ich versuche mir fuer diese Unterhaltungen daher immer die Vortragsthemen der einzelnen Rotarier zu merken, um vielleicht nochmal die eine oder andere ineressante Sache nachfragen zu koennen. Auch mit dem Taschengeld und der Bezahlung der Inboundtreffen des Distriktes gibt es keine Probleme, da sich mein Counsellor persoenlich darum kuemmert und uns beispielsweise unser Taschengeld immer von ihm direkt am Anfang des Monats ausgehaendigt wird.
    Von den restlichen zwei Clubs war ich bis jetzt nur in dem den Namen der Stadt tragenden RC “Nova Friburgo”, dessen Praesidentin, Marcia, die Ehefrau meines Counsellors Eduardo ist. Dieses Treffen war vor zwei Wochen und der Hauptvortrag dieses Abends war der Rueckblick und die Auswertung des letzten Jahres durch den Rebound Cassio Spinelli, der erst Ende Juli von seinem Austausch in Norwegen zurueckgekommen ist. Was fuer mich sehr ueberraschend kam war, dass bei diesem Treffen die ersten 40 Minuten vor dem Essen komplett anderen Themen gewidmet waren, die von verschiedenen Rotariern knapp in jeweils etwa fuenf Minuten vorgetragen wurden. Nach dem Essen folgten weitere 10 Minuten Kurzvortrag der Rotarier und erst dann wurde dass Wort Cassio, dem eigentlichen “Star” des Abends gegeben. Fuer diesen Vortrag waren alles in allem 10-15 Minuten vorgesegen und zwar mit der Zeit fuer Fragen inklusive. Mir und auch ihm erschien diese Zeit viel zu kurz um ueber all die Erlebnisse eines ganzen Jahres voller Eindruecke in einem fremden Land zu berichten. Diese Zeit wuerde mir persoenlich vielleicht dazu reichen, um aufzuzaehlen, wofuer ich mich bei Rotary im allgemeinen, den sendenden und aufnehmenden Clubs und nicht zu letzt vielen einzelnen Rotariern bedanken will und muss. Die gleiche Vortragsdauer, also in etwa 15 Minuten, wird von uns Inbounds bei unserem Vortrag ueber unser Herkunftsland erwartet. Auch hier erscheint es mir nicht richtig und sogar nahezu unmoeglich alle nennenswerten Informationen ueber ein Land wie Deutschland, dessen Geschichte sehr umfangreich ist und auf keinen Fall hintenangestellt werden darf in so wenig Zeit gut und wahrheitsgemaess darzustellen. Ich werde so oder so versuchen das Beste daraus zu machen.
    Die neue Sprache und meine bisherigen Reisen betreffend moechte ich meinen Gastvater zitieren, der mir kurz nach meiner Ankunft sagte, dass das erste halbe Jahr dafuer da ist, um die Sprache gut zu lernen und das zweite, um zu reisen und das Land zu sehen. Ich stimme ihm diesbezueglich nicht ganz zu, denn mir scheint, dass man eine gesunde Mischung aus Lernen und Reisen finden muss. Man kann nicht einfach sagen, die gesamte erste Haelfte des Austauschjahres ist zum Lernen der Sprache und die gesamte zweite zum Reisen.
    Die neue Sprache, also in meinem Fall portugiesisch, ist eindeutig der Schluessel zu den Menschen und ihrer Kultur. Solange man diese Sprache nicht genuegend beherrscht kann man auch nicht das Leben in dem Austauschland in vollen Zuegen geniessen. Ohne die Kommunikationsmoeglichkeit in der Landessprache hat man immer eine Distanz zu den Einwohnern des Landes und hat folglich auch mehr Schwierigkeiten neue Freunde zu finden und Probleme jeder Art vor Ort selbststaendig zu loesen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Auch auf den Reisen ist es noetig sich Verstaendigen zu koennen, aber man lernt auch auf einer Reise einige neue Sachen, die man zu hause nicht braucht und deswegen auch nicht lernt. Genau aus diesen Gruenden habe ich versucht mit Hilfe eines Portugiesischlehrbuchs die neue Sprache noch in Deutschland, wenn auch nur ein Bisschen, zu lernen. Da ich schon vorher mit deutsch, russisch, englisch und franzoesisch vier Sprachen sprach fiehl bzw. faellt mir auch das Erlernen einer neuen, fuenften Sprache nicht unbedingt so schwer, wie vielleicht manch einem anderen. Fuer mich setzen sich die Vokabeln aus zwei Arten von Woertern zusammen: die, die in einer der mir bekannten Sprachen genauso oder zumindest aehnlich sind und die, die sich komplett von allem mir bekanntem unterscheiden. Dies verringert die Anzahl der von mir zulernenden Woerter natuerlich maechtig. Auch die Grammatik, die man zum einfachen Sprechen und Schreiben braucht, ist meiner Meinung nach nicht sonderlich schwer zu erlernen. Als ich vor zwei Monaten hier in Brasilien ankam konnte ich mich bereits einigermassen verstaendlich machen und sogar mehr oder weniger verstehen, was man mir auf portugiesisch sagte. Nach etwa zwei Wochen, in denen mein groesstes Problem war, dass sich alle mit mir ausschliesslich in englisch unterhalten wollten und ich immer mehrmals darum bitten musste mit mir langsam, aber in portugiesisch zu sprechen, bat ich meinen Gastbruder Eriko mir ein Buch, welches ich schon in einer mir bekannten Sprache gelesen habe, auf portugiesisch zu geben. Als Folge dieser Bitte erhielt ich von ihm das Buch “Der Herr der Ringe” von J.R.R. Tolkien, welches eines meiner Lieblingbuecher ist und welches ich aus diesem Grund schon mehrmals auf englisch und russisch gelesen hatte (die deutsche Uebersetzung scheint mir weniger gelungen). Dank diesem Buch hatte ich die naechsten drei Wochen eine sinnvolle Beschaeftigung waehrend des Unterrichts in der Schule, denn einfach nur stundenlang zuhoeren und versuchen etwas zu verstehen ist nach einer gewissen Zeit sehr schwer.
    Auch wenn fuer mich dank der regelmaessigen recht einseitigen Schulbesuche und meiner vielen Hobbies bereits eine Art Alltag, der natuerlich immernoch von Neuem ausgeschmueckt wird, eingetroffen ist, war und ist fuer mich praktisch jedes Wochenende bis jetzt ein besonderes Erlebniss, denn meine Familie unternimmt, trotz des Stresses meiner Gastmutter, sehr viel mit mir und hat mich unter anderem schon zwei mal nach Rio, einmal in die oben erwehnte Kaiserstadt Petropolis und an viele andere Orte mitgenommen, von denen jedes einzelne mal eine detailierte Beschreibung wert waere. Da ich aber so viele andere Eindruecke von meiner Zeit hier habe, die ich auch unbedingt berichten moechte werde ich diese, wie auch vieles andere fuer meinen Bericht in Deutschland ueber mein Jahr in Brasilien aufheben. Ich hoffe, dass mir dann mehr, als fuenfzehn Minuten zur Verfuegung stehen werden, um ihnen meine Erlebnisse moeglichst lebendig verdeutlichen zu koennen.
    Nochmals vielen vielen Dank fuer diese einmalige Moeglichkeit, welche mir erlaubt hat dieses wundervolle Land mit seiner Bevoelkerung, Sprache und Kultur naeher kennen zu lernen.
    Bis zum naechsten Bericht,
    Ihre Alexandra Pevzner
    Saturday, July 19th, 2003
    7:45 am
    Hi Leute!!!
    Nach meiner "russischen" Seite bei livejournal habe ich mir dank meinem Cousinchen Anka V. auch eine "deutsche" Seite gemacht...
    Ich werde versuchen einigermaßen regelmäßig hier reinzuschreiben, sobald ich in Brasilien angekommen bin :)
    Und ihr könnt wie in einem Gästebuch bzw. Forum Kommentare hinterlassen.
    Also bis denn, Alexchen
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